2.3.08

Unterschriftensammlung (petition)

Gegen die Abschaffung des spezialisierten Musikunterrichts in Portugal

Adressat: Erziehungsministerium

Warum wir mit der Erziehungsministerin nicht übereinstimmen können
Für eine qualitativ hochwertige, staatliche Musikschule

Abschaffung des spezialisierten Musikunterrichts in der Grundstufe


Aufgrund eines ministeriellen Beschlusses werden die staatlichen Musikschulen (im Folgenden Konservatorien genannt) daran gehindert werden, auf der Anfängerstufe zu unterrichten. Die derzeitigen und künftigen Schüler (im Alter von 6-9 Jahren), die Musik lernen wollen, werden das kostenlose Unterrichtsangebot der allgemeinbildenden Schulen (im Rahmen der so genannten currikulumbereichernden Aktivitäten, AEC) wahrnehmen müssen, mit noch unbekannten Inhalten und einem voraussichtlichen Umfang von zwei Wochenstunden. Im Gegensatz dazu beträgt der derzeitige Umfang in den Konservatorien 6 Wochenstunden und beinhaltet den individuellem Instrumentalunterricht, Orchester, Gehörbildung, Chor und Dramatischem Ausdruck.

Ein Schüler, der weiterhin Musikunterricht auf dem Niveau der gegenwärtigen Anfängerkurse der Konservatorien erhalten möchte, wird das in Zukunft in einer Privatschule tun und dafür statt der derzeitigen Jahresgebühr der öffentlichen Konservatorien (in Lissabon 45 €) erhebliche Summen aufbringen müssen.

Durch diese Maβnahmen macht es das Ministerium den Konservatorien unmöglich, den Kindern einen qualitativ hochwertigen Unterricht anzubieten, der im idealen Entwicklungsalter für den Beginn des Instrumentalunterrichts einsetzt (Suzuki, Gordon, Manturzewska, Lehmann, Schuter-Dyson, Sosniak, Bloom).

Obwohl es so dargestellt wird, geht es bei der Abschaffung des spezialisierten Musikunterrichts auf der Grundstufe keineswegs um eine Demokratisierung, denn das Alternativangebot zielt klar auf lediglich rudimentäre Unterrichtskomponenten, während die Konservatorien für diese Altersgruppen ganz andere Kompetenzen anstreben. Der wirkliche Zweck dieser Maβnahme besteht in der Freisetzung von Lehrkräften: diejenigen die gegenwärtig die Anfängerkurse der Konservatorien betreuen, sollen entlassen werden, damit sie dann, unterbezahlt, für den “AEC”-Unterricht zur Verfügung stehen. Das Ministerium weiβ, dass es für den propagierten flächendeckenden Musikunterricht auf der Grundstufe der allgemeinbildenden Schulen weder kurz- noch mittelfristig genügend Lehrkräfte gibt.

Bei dieser Operation geht es um nichts anderes als Finanzakrobatik, ohne Rücksicht auf die zu erwartenden Qualitätseinbußen. Es besteht kein Zweifel am antidemokratischen Charakter dieses neuen Systems, denn wenn in Zukunft die Aufnahmeprüfungen erst ab der 2.Stufe erfolgen, bedeutet das, dass natürlich die Kandidaten im Vorteil sind, die sich ihre größeren Vorkenntnisse auf teuren Privatschulen aneignen und die künftig für den Grundstufenunterricht eine Monopolstellung einnehmen werden. Das begünstigt diejenigen Familien, die es sich finanziell erlauben können, ihren Kindern diese Art von Unterricht zukommen zu lassen, währen die Kinder aus sozioökonomisch schwächerem Umfeld benachteiligt werden.
Die Abschaffung des spezialisierten öffentlichen Musikunterrichts unter dem Vorwand einer Verbreiterung der Musikkultur ist ein Unding.

Abschaffung des unabhängigen Unterrichtsmodells („Supletiver Studiengang“)

Mit der angekündigten Reduzierung der Konservatorien auf das integrierte Unterrichtsmodell werden sowohl das supletive als auch das artikulierte Modell eliminiert. Der „artikulierte Studiengang“ ermöglicht den Familien die Wahl der allgemeinbildenden Schule und die Abstimmung der Stundenpläne mit denen des Konservatoriums.

Im supletiven Modell können die Familien nicht nur die Basisschule wählen, sondern die Realisierung zweier von einander unabhängiger Ausbildungsgänge (allgemeinbildende Schule auf der einen und Konservatorium auf der anderen Seite) legt die Schüler nicht auf die Musik-Perspektive fest, sondern lässt ihnen bis zu einem späteren Zeitpunkt verschiedene Optionen offen.

Mit besonderer Vehemenz attackiert das Erziehungsministerium den supletiven Studiengang. Das Ministerium behauptet, es handele sich dabei um eine Art Selbstbedienungsmodell, das es dem Schüler erlaube, sein eigenes Kurrikulum zu bestimmen, an keinerlei Präzedenz-Regeln gebunden zu sein und ein ewiges Studentendasein an den Konservatorien zu fristen. Darüber hinaus sei es so, dass die Schüler die Konservatorien ohne Abschlusszeugnis verlassen, da sie ein solches ja in der anderen (allgemeinbildenden) Sekundarschule erhalten können. Ohne Abschlusszeugnis kein Schulerfolg, so die lapidare Schlussfolgerung. Aus der Sicht des Ministeriums bilden die Konservatorien keine Schüler aus.

Werfen wir einen Blick auf die Charakteristika dieses Modells, das von der überwiegenden Anzahl der Schüler und Eltern bevorzugt wird:

Die Schüler des supletiven Studienganges haben bis zum Endes der Primarstufe exakt die gleiche Anzahl von Fächern wie die Schüler des artikulierten und des integrierten Studienganges. Sie unterliegen den gleichen Präzedenz- und sonstigen Studienregeln.

Auch in der Sekundarstufe kann der Schüler nicht lediglich ein einziges Fach belegen sondern muss mindestens drei Fächer studieren: Instrument, Gehörbildung und Musikensemble.

Die Schüler des supletiven Studienganges schließen selten mit dem Diplom der Sekundarstufe in Musik ab, da sie ein Sekundar-Diplom durch die allgemeinbildende Schule bereits erhalten haben oder noch erhalten werden.

Nein, die geringe Anzahl von Schülern die mit einem Abschlussdiplom die Konservatorien verlassen, ist kein Synonym für schulischen Misserfolg. Da für die Aufnahme an eine Musikhochschule das Sekundar-Diplom in Musik keine Voraussetzung ist, ziehen es die Schüler vor, einen parallelen Sekundarkurs im wissenschaftlichen oder humanistischen Bereich zu absolvieren. Sobald die musikalische Ausbildung ausreichend fortgeschritten ist, bewerben sie sich für die Aufnahme an der Musikhochschule oder aber sie treten direkt ins Berufsleben ein. Der Klarheit halber sei erwähnt, dass über die Ausübung des Musikerberufs und die Besetzung einer Stelle in einem Chor oder Orchester nicht Diplome entscheiden sondern praktische Vorführungen. Der einzige Bereich für den ein Diplom erforderlich ist, ist der Musiklehrerberuf. Dafür braucht es jedoch einen Hochschulabschluss und nicht den Sekundarabschluss der Konservatorien.

Es ist also nicht nur der Beweis erbracht, dass die geringe Anzahl der Abschlussdiplome nicht mit schulischem Misserfolg gleichzusetzen ist, sondern es ist hervorzuheben, dass in den letzten sechs Jahren allein aus der Lissabonner Musikschule des Nationalkonservatoriums 125 Studenten ins Hochschulstudium überwechselten und ca. 183 Schüler Musikberufe ergriffen, d.h. das Konservatorium war die Grundlage für ihre musikalische Laufbahn. Das Ministerium sollte sich um eine Lösung für das Problem der Zertifikate bemühen, statt sich darauf zu versteifen, den supletiven Studiengang schlichtweg abzuschaffen.

Der wirkliche Grund weshalb das supletive Modell eliminiert und an den Staatlichen Konservatorien nur mehr das integrierte Modell praktiziert werden soll, springt ins Auge wenn man weiß, dass das Interesse der Ministerin vor allem in der Ausweitung des AEC-Musikunterrichts auf alle allgemeinbildenden Grundschulen besteht, wofür Lehrkräfte nötig sind. Durch die implizierte drastische Verkleinerung der Konservatorien wird es im Bereich der Grundstufe I und II sowie der Sekundarstufe zu Entlassungen von Lehrkräften kommen, welche natürlich für den Einsatz im AEC-Unterricht vorgesehen sind.

Es ist außerordentlich wichtig, dass die Eltern und Erziehungsberechtigten sich darüber im Klaren sind, dass unter dem Deckmantel einer Pseudo-Demokratisierung des Musikunterrichts in Wirklichkeit die Musikausübung im Anfängerbereich auf das Niveau des AEC-Unterrichts reduziert werden wird, und dass diejenigen Familien mit hohen finanziellen Belastungen rechnen müssen, die sich weiterhin für qualitativ hochwertigen, spezialisierten Musikunterricht, nun allerdings an Privatschulen, entscheiden. Festzuhalten ist ebenfalls, dass als Folge der Abschaffung des supletiven Studiengangs und der Reduzierung der Staatlichen Konservatorien auf das integrierte Modell die Eltern viel früher über die Berufsperspektive der Kinder entscheiden müssen - eine komplizierte und unzumutbare Zwangslage.

Es ist außerdem notwendig, den Gesangskurs zu berücksichtigen, der ausschließlich im supletiven Studiengangs von Studenten absolviert wird, die älter als 17 Jahre sind - in Übereinstimmung mit den gegenwärtig gültigen Normen, wie sie in Internem Reglement festgelegt sind.

Was in den vorigen Punkten ausgeführt wurde, berechtigt uns zu der Feststellung, dass der supletive Studiengangs ein glaubwürdiges Unterrichtsmodell darstellt, welches ebenso wie jedes andere Modell Musiker ausbildet. Seine Verteufelung durch das Ministerium hat lediglich finanzielle und keine pädagogischen Gründe. Seine Abschaffung beschneidet die Optionsmöglichkeiten der Erziehungsberechtigten.